Der Mann, der eine Schule zusammenhielt – ohne sich selbst ins Zentrum zu stellen.
Manchmal verlässt ein Mensch eine Schule und es entsteht ein Raum, den vorher niemand wahrgenommen hat – weil er so selbstverständlich ausgefüllt war. Wenn Hartmut Nürnberg nach über drei Jahrzehnten die Waltroper GEsamtschule am 6. Februar 2026 verlässt, dann geht nicht einfach ein »stellvertretender Schulleiter«. Es verabschiedet sich jemand, der den Charakter der Schule mitgeprägt hat, ohne sich je in den Vordergrund zu stellen.
Hartmut Nürnberg war nie laut. Doch wenn es nötig wurde, konnte er bemerkenswert deutlich sein – mit einer Ruhe, die mehr bewirkte als jede erhobene Stimme. Wer sein Büro betrat, traf auf jemanden, der erst für Atmosphäre sorgte, bevor es um Inhalte ging: „Willst du einen Kaffee?“ war bei ihm keine Floskel, sondern eine Einladung, kurz anzukommen. Das passte zu ihm: erst der Mensch, dann die Sache.

Seine Geschichte an der GEsamtschule Waltrop begann am 1. August 1993. Ein Lehrer für Sozialwissenschaften und Deutsch, qualifiziert für beide Sekundarstufen, dazu eine fast fertige Doktorarbeit im Gepäck. Vielleicht wäre der akademische Weg weitergegangen – doch das Leben stellte andere Anforderungen. Die ersten Kinder kamen, Verantwortung wurde konkret und verlässliches Einkommen wog plötzlich mehr als der Fußnotenapparat. So rückte die Dissertation in den Hintergrund und der pädagogische Alltag wurde zur beruflichen Heimat.
Familie, das Reiten, die Pferde rückten dabei ebenso ins Zentrum. Den »Pferdehändler«, sagten manche schmunzelnd, werde man aus ihm nie ganz herausbekommen. Gemeint war: Er konnte rechnen, verhandeln, vermitteln – und im entscheidenden Moment überraschend unkonventionell denken. Ein Beamter im klassischen Sinne war er nie. Und vielleicht verdankt die Schule gerade diesem Umstand so vieles.
Er sah Schulleiter kommen und – bis auf seine heutige Vorgesetzte – auch wieder gehen. Dass er selbst einmal die Leitung hätte übernehmen können, stand nie außer Frage. Doch er wollte nicht auf der obersten Stufe stehen. Seine Stärke lag im Wirken ohne Scheinwerfer. Er führte, wenn es nötig war und übernahm Verantwortung, wenn sie anstand: als Klassenlehrer, als Tutor, als Beratungslehrer, als kommissarischer Abteilungsleiter und als kommissarischer Schulleiter. Er konnte die Pole Position – aber er beanspruchte sie nicht. Im Amt des stellvertretenden Schulleiters fand er schließlich die Aufgabe, die zu ihm passte: gestalten, steuern, voranbringen, aber nicht repräsentieren müssen.

In den frühen 2000er-Jahren zeigte sich, wie wichtig genau diese Mischung aus Mut, Pragmatismus und Beharrlichkeit war. Die Oberstufe seiner Schule stand damals auf der Kippe. Ohne Hartmut Nürnberg und eine kleine Gruppe engagierter Kolleginnen und Kollegen hätte die Schule sie womöglich verloren. Die Idee, externe Experten – einen Marketingfachmann, einen Unternehmensberater und ein Wirtschaftsinstitut – ins Boot zu holen, war zu dieser Zeit außergewöhnlich und wurde heftig diskutiert. Aber sie rettete die Schule. Wer damals dabei war, erinnert sich: das waren Jahre, in denen man nicht nur pädagogisch, sondern politisch kämpfen musste.
Auch die Gründung der »Waltrop Akademie für Bildung und Beruf«, parallel zur Schule, war ein Wagnis. Und genau dort zeigte Nürnberg, dass Freundlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit sich keineswegs ausschließen. Er konnte hartnäckig sein – leise, aber wirksam.
Ab 2007 bildeten »Studium« und »Beruf« die beiden tragenden Säulen des Schulprofils. Viele Formate, die heute selbstverständlich erscheinen, entstanden in dieser Zeit: das Jobforum, der Berufsorientierende Projektunterricht, Schülerfirmen, Session Possible, das BOB – sein jahrelanger Arbeitsplatz –, das BuS-Projekt, das Coworking- und das Technikzentrum. Es war ein Prozess des Entwickelns, Ausprobierens, Verwerfens und Neuerfindens. Nürnberg war selten der Theoretiker. Er war der Praktiker, der Macher, der Anpacker. Die Auszeichnungen, die die Schule lands- und bundesweit erhielt, und die vielen erfolgreichen Schülerbiografien erzählen bis heute von der Wirkung dieses Weges.
Als die Schule 2015 einen Organisationsleiter suchte, war die Entscheidung fast zwangsläufig. Wer den Laden und die Menschen kennt, Strukturen versteht und Vertrauen ausstrahlt – das war er. In diesem Jahr wurde er stellvertretender Schulleiter und zog samt Kaffeemaschine vom »BOB« ins Büro neben dem Sekretariat. Von dort aus arbeitete er in einer Zeit, die selbst ohne Sonderaufgaben fordernd gewesen wäre. Doch Sonderaufgaben gab es reichlich: Corona, der Verlust der Sechszügigkeit, die unklare Lage am Akazienweg, die Integration geflüchteter Kinder, die Digitalisierung und zeitweise die kommissarische Leitung der Schule.

Es waren Jahre, die von jedem viel verlangten – und von ihm besonders.
Nun beginnt ein neuer Abschnitt, einer ohne Stundenpläne und Krisensitzungen. Mehr Zeit für seine Familie. Für das Enkelkind. Für Holz, Pferde, Reisen – und für die Menschen, die ihm wichtig sind. Ein Leben mit mehr Raum, weniger Verpflichtung und mehr Nähe zu dem, was er liebt. Intensiver leben. Das ist der Plan – und er passt.

