Am gestrigen Dienstag verwandelte sich die Mediothek der GEsamtschule in einen Ort der Erinnerung, Reflexion und lebendigen Diskussion. Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 bis 12 hatten die besondere Gelegenheit, an einer Lesung und Gesprächsrunde mit Dr. Thomas Friedländer teilzunehmen – einem Autor, Wissenschaftler und Zeitzeugen, dessen Werk »Bonzos Auge« nicht nur persönliche, sondern auch historische Dimensionen berührt.

Ein Buch, das Brücken schlägt
In »Bonzos Auge« erzählt Friedländer die Geschichte seines Vaters, genannt Bonzo, der als jüdisches Waisenkind in Berlin aufwächst, sich politisch engagiert, vor den Nationalsozialisten nach England flieht und später in Australien interniert wird. Nach seiner Rückkehr in die DDR 1947 erlebt er als Wirtschaftswissenschaftler Höhen und Tiefen – geprägt von zunehmender Erblindung und Depression. Der Autor selbst findet seinen Vater 1980 nach dessen Suizid und beginnt Jahre später, nach einem weiteren Schicksalsschlag, die weißen Flecken der Familiengeschichte zu erforschen. Daraus entsteht ein bewegender Tatsachenbericht über eine deutsch-jüdische Familie, über Verfolgung, Flucht, Neubeginn und die Suche nach Identität.
Ein Ort wird greifbar – Waltrop am Kanal
Besonders eindrücklich für die Schülerinnen und Schüler war die Verbindung zur eigenen Region: 1937 wurde die Leiche von Josef Böhm – einem Verwandten Friedländers – in Waltrop am Kanal gefunden. War es Suizid oder ein »verfolgungsbedingter Tod«? Diese Frage zeigt, wie wichtig historische Recherche und Biographiearbeit sind – nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Nachkommen. Miriam H., Enkelin von Josef Böhm, äußerte ihre Dankbarkeit über die Erkenntnisse ihres Verwandten: „Ich kann meinen Kindern und Enkeln unsere Geschichte nun ganz anders erzählen.“
Diskussion und Nachklang
Die Veranstaltung, organisiert durch Schulleiterin Astrid Fuhrmann, stieß auf großes Interesse. Die Mediothek war bis auf den letzten Platz gefüllt, und die anschließende Diskussion zeigte, wie sehr die Themen Identität, Erinnerung und historische Verantwortung die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer bewegten. Viele nahmen mit, dass Familiengeschichte nicht nur Vergangenheit ist – sondern auch Zukunft gestalten kann.
Fazit: Die Lesung mit Dr. Friedländer war mehr als eine Buchvorstellung. Sie war ein lebendiger Geschichtsunterricht, eine Einladung zur eigenen Spurensuche und ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie persönliche Geschichten Weltgeschichte berühren. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten – und besonders an Dr. Friedländer für seine Offenheit und seine eindrucksvolle Erzählkunst.

