Waltroper Stadtmaler im November 2025
Ein Prolog von Michael Ogiermann.
Schulhof der Gesamtschule Waltrop mit einem Plakat von Jo Scholar im November 2025
Seit wenigen Tagen klebt an der Geräte- und Müllgarage mitten auf dem Schulhof der »GEsamtschule Waltrop« ein großflächiges Schwarz-Weiß-Plakat. Darauf zu sehen: ein Käfig, ein Vogel und ein bedeutungsschwerer Satz von Franz Kafka. Dieses Plakat verdeckt, was sich in den vergangenen Jahren auf den Klinkersteinen der Fertiggarage als Zeitdokumente angesammelt hat. Das »Schmuddelkind« im Zentrum der Schule, direkt vor der monumentalen Klinkerwand der Turnhalle, trägt eine Geschichte – innen wie außen. Vor kurzem war es nur noch ein hastig überstrichenes Schwarz, das staatsfeindliche Zeichen überdecken sollte. Doch diese Gedankenwelt existiert weiter und steht im November 2025 selbstbewusst im Raum.

Neben solchen Spuren fanden sich auch andere Statements: Hinweise auf den Hambacher Forst, auf »Fridays for Future« oder die Kultfigur einer Generation – Greta Thunberg. Auch sie, inzwischen durch ihre Aktionen für die Menschen in Gaza nicht mehr unumstritten, verschwand nun hinter dem weiß leuchtenden Plakat. Dieses fast unschuldige Weiß mit wenigen schwarzen grafischen Elementen tritt in den Dialog mit großformatigen Murals, die an den Wänden des Hauptgebäudes der »GEsamtschule Waltrop« in kräftigen Farben ihre Botschaften verkünden.
Zwischen diesen Arbeiten behauptet sich bis heute die Wandgestaltung des Waltroper Stadtmalers Peter Tournee. Sie entstand Anfang der 2000er-Jahre in einem intensiven Prozess gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern und wurde in vielen Arbeitsstunden realisiert. Noch immer hat sie ihren Platz zwischen den lauten Graffitis und fügt sich harmonisch ins Umfeld ein.

Rückblick: Das Projekt »Waltroper Stadtmaler«
Das Projekt »Waltroper Stadtmaler« besteht seit über 30 Jahren. Nach dem Mauerfall im November 1989 begann ich – als junger, in der DDR aufgewachsener und ausgebildeter Künstler – einen Neuanfang 600 Kilometer westlich meines Heimatortes Eisenhüttenstadt, im Ruhrgebiet, in Waltrop. Die letzten zehn Jahre des alten Jahrtausends waren eine überaus kreative und herausfordernde Zeit. Eine neue Heimat zu erarbeiten, ohne die eigenen Wurzeln zu kappen oder zu verstecken, führte zur Idee des Projekts »Waltroper Stadtmaler«. Es ging mir damals darum, im Neuen das Bekannte zu integrieren – Menschen, Orte, Sichtweisen und Fähigkeiten. Als Galerist, Maler und Kunstvermittler eröffnete ich im November 1994 in der »Galerie im weißen Haus« am Neuen Weg in Waltrop die erste Stadtmaler-Ausstellung. Die ersten Stadtmaler und Wegbereiter des Projekts waren: Matthias Steier, Künstlerfreund aus Eisenhüttenstadt, Krysztof Skarbek, Kunst- und Pop-Ikone aus Wroclaw und Hajo Lesse, satirischer Bildhauer aus Hamm.
Sie setzten sich künstlerisch mit meiner neuen Heimat auseinander und wurden meine Partner beim Ankommen und im Austausch mit Waltrop. Es gab Ausstellungen und Aktionen in der Stadt, ein Atelier im ehemaligen Lehrschwimmbecken der Realschule und jährliche Beiträge zum Parkfest. Mit meiner Entscheidung, 1997 als Kunstlehrer an der Gesamtschule Waltrop zu arbeiten, nahm ich das Projekt mit in die Schule. Es entwickelte sich zu einem Kunst- und Schulprojekt, das Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt mit Menschen der Region in einen gemeinsamen Kommunikations- und Gestaltungsprozess brachte. So kamen Gäste u.a. aus Australien, Bangladesch, Chile, Israel, Nicaragua, Tansania, Israel sowie aus deutschen und europäischen Metropolen wie Leipzig, Hamburg, München, Köln, Kiel, Wroclaw, Minsk oder Budapest nach Waltrop. Sie bezogen hier ihr Atelier, nahmen Waltrop und die entstandene Kunst mit in ihre Welt und kehrten teilweise mehrfach mit immer wieder neuen Ideen und Werken zurück. Dabei füllten sie die Rolle des Stadtmalers mit ihrer eigenen menschlichen und künstlerischen Kompetenz.
Die Rolle der »GEsamtschule Waltrop«
Die »GEsamtschule Waltrop« mit ihren Generationen von Schülerinnen und Schülern ist bis heute, neben zahlreichen externen Partnern, eine feste Größe des Projekts. Kolleginnen und Kollegen unterstützten und entwickelten es weiter, Gisela Röwer-Schneider, Inge Herb, Marc Teschner, Ulrike Walkenhorst, Anja Souissi und Sylvia Klein. Auch die jeweiligen Schulleitungen förderten das Projekt mit großem Engagement und verankerten es im Schulprogramm. Eine besondere Rolle spielt die ehemalige Schulleiterin Brigitta Blömeke. Sie wurde durch das Projekt in ihrem Kunstinteresse bestärkt und ermutigt bis heute die Beteiligten, gerade in schwierigen Phasen weiterzumachen.
Neustart nach der Coronapause
Nach einer langen Pause gelang 2024 der Neustart. Mit der Adaption des Archeprojekts, den Kooperationen mit den Stadtmalern Beth Adams-Ray und Florian Söll (2019), der Kunstschule Gelsenkirchen unter Leitung von Brigitta Blömeke und der Bereitschaft von Anja Souissi, das Projekt erneut zu koordinieren, gehen wir mit einem ambitionierten Vorhaben in die Zukunft.

Wir konnten den Gelsenkirchener Maler Jo Scholar gewinnen. Er gestaltete das erwähnte Großplakat, das von unseren Schülerinnen und Schülern Manuela Lehnhardt, Emilia Klein, Sverre Ernesti und Niklas Toprak sorgfältig an die Garage geklebt wurde. Dieses bildet den Startschuss für das Stadtmalerprojekt ’26.

Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten, hier jedoch die erste Reaktion auf das Plakat:
„Ich deute das Zitat als eine Metapher für Staatsmacht und Bevölkerung. Ein Käfig verliert ohne den Vogel seinen Sinn. Auch die Staatsmacht muss sich immer wieder neu legitimieren und macht dies durch Regulierungen, Institutionen und neu kreierte freie Räume. Der Vogel hingegen schafft sich seinen Sinn durch seine bloße Existenz und ist damit unabhängig vom Käfig. Ein Vogel muss keinen Käfig suchen, der Käfig aber braucht den Vogel um zu sein. Dies lässt sich mehr oder weniger auf alle Regierungs- und Staatssysteme runterbrechen, da diese ohne die ihr zugehörige Gesellschaft nicht wären.“ Pia Souissi, Studentin Lehramt für Kunst und Sozialwissenschaften an der TU Dortmund

