500 Jugendliche begegnen der Geschichte – und der Gegenwart
Selten herrschte in der Mensa der GEsamtschule Waltrop eine solch konzentrierte Aufmerksamkeit. Gut 500 Schülerinnen und Schüler der drei weiterführenden Waltroper Schulen füllten am 2. Juni jeden Platz – und obwohl unterschiedliche Schulen aufeinandertrafen, blieb es bemerkenswert ruhig. Die Jugendlichen schufen durch ihr Auftreten selbst den Rahmen, den eine solche Veranstaltung braucht. In Kooperation mit dem Waltroper Kinder- und Jugendparlament (KIJUPA) und der Stadt Waltrop setzte die GEsamtschule im Rahmen des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (SoRSmC) ein klares Zeichen: Die Erinnerung an den Holocaust ist kein abgeschlossenes Kapitel im Geschichtsbuch, sondern ein Auftrag an die Gegenwart.

Ein Vertreter der Gen Z eröffnet den Blick zurück
Den Einstieg gestaltete Louis Pawellek, 1998 in Peine geboren – Buchautor, Erzieher und selbst Vertreter der Generation Z. Pawellek schilderte, wie ihn die persönliche Begegnung mit Überlebenden des Holocaust bewegt hat, und was ihn dazu brachte, das Buch »Die letzten Stimmen des Holocaust« zu schreiben. Seine Botschaft an das Publikum war klar und direkt: Wenn die Menschen, die selbst erlebt haben, was damals geschah, irgendwann nicht mehr da sind, liegt es an der nachfolgenden Generation, diese Erinnerungen wachzuhalten – aktiv, nicht als Pflichtübung. Mit dieser Einordnung schuf Pawellek den Rahmen für den Hauptakteur des Vormittags: Thomas Gabelin, Jahrgang 1944.
Chronist einer Familiengeschichte – und eines langen Antisemitismus
Thomas Gabelin ist einer von nur 132 Kindern aus dem KZ Theresienstadt, die überlebt haben. Im November 1944 kam er im Leib seiner Mutter in das Lager; am 21. Dezember 1944 wurde er dort geboren. Nach der Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 kehrte er mit seinen Eltern nach Krefeld zurück – als Säugling, als Überlebender. Ein Schüler hakte nach: Kann man sich als Zeitzeugen bezeichnen, wenn man damals noch ein Säugling war? Gabelin verneinte das klar – er versteht sich als Chronist und Erzähler der Geschichte seiner jüdischen Familie, nicht als Augenzeuge des Lagerterrors. Genau diese Haltung gab seinem Vortrag Glaubwürdigkeit und Tiefe.
Besonders nachhaltig wirkte eine Episode aus seiner Schulzeit im Krefeld der Nachkriegszeit: Ein Streit um ein Fahrrad vor dem Schultor eskalierte, bis ein Mitschüler schrie: „Drecksjude! Ich wünschte, die Nazis hätten Euch alle vergast!” Der Krieg war vorbei – der Hass nicht. Gabelin zog den Bogen bewusst in die Gegenwart: Antisemitische Beschimpfungen, unreflektierte Parolen und das Verharmlosen von Geschichte sind 2026 auf deutschen Schulhöfen wieder zu hören. Sein Appell an die Jugendlichen: Artikel 1 des Grundgesetzes ist kein Abstraktum – die Würde des Menschen ist unantastbar, und jede Generation muss das neu verteidigen.

„Das Thema catcht einen einfach” – Stimmen aus der Schülerschaft
In der Pause und im Unterricht danach war der Nachhall spürbar. „Dieses Thema catcht einen einfach”, sagte Ida aus dem 10. Jahrgang. Was sie damit meinte, wurde schnell deutlich: „Manche wollen das einfach nicht wahrhaben oder glauben nicht, dass Menschen so etwas wirklich tun können. Aber es kann sich wieder in diese Richtung bewegen.” Amy, Ida und Joleen – drei Schülerinnen unserer Schule, die offen und mit klarem Blick über das Gehörte gesprochen haben – stehen für eine Haltung, die Hoffnung macht: Sie verdrängen nicht, sie fragen nach.
Erinnerung als Haltung
Solche Veranstaltungen ersetzen keinen Unterricht – aber sie ergänzen ihn auf eine Weise, die kein Lehrbuch leisten kann. Es geht nicht allein darum, Fakten über den Nationalsozialismus zu kennen, sondern die Mechanismen zu verstehen, die dazu führten: Ausgrenzung, Verharmlosung, das schrittweise Wegschauen. Die Kombination aus Pawelleks Perspektive auf Augenhöhe und Gabelins persönlicher Familiengeschichte hat genau das ermöglicht – ein Nachdenken, das über die Mensa hinausgeht.
Wehret den Anfängen. So etwas darf nie wieder von deutschem Boden ausgehen.

